Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter „Sehen“ häufig ausschließlich die Sehschärfe verstanden. Diese Annahme führt jedoch oft zu Missverständnissen. Denn selbst wenn beide Augen bei einem Sehtest eine Sehschärfe von 100 % oder mehr erreichen, sagt das noch wenig über die Qualität des gesamten visuellen Systems aus.

So kommt es vor, dass Kinder trotz unauffälligem Sehtest Schwierigkeiten haben, Abbildungen oder Wörter an der Tafel und auf digitalen Medien klar zu erkennen. Das Beamerbild wirkt unscharf, beim Lesen flimmern die Zeilen oder springen im Heft. Auch das zeitweise Zuhalten eines Auges oder das Verdecken mit den Haaren kann ein Hinweis darauf sein, dass das visuelle System nicht optimal arbeitet.

Bei konventionellen Sehtests werden die Sehfunktionen und die visuelle Wahrnehmungsverarbeitung meist nur eingeschränkt überprüft. Eine gute Sehschärfe bedeutet lediglich, dass ein Objekt aus einer bestimmten Entfernung erkannt werden kann. Sie gibt jedoch keinen Aufschluss darüber, wie gut beide Augen zusammenarbeiten oder wie effizient visuelle Informationen verarbeitet werden.

Für ein stabiles und belastbares Sehen müssen alle Sehfunktionen harmonisch zusammenwirken. Bestehen in einem Bereich Einschränkungen, versucht das System diese auszugleichen. Diese Kompensation kostet zusätzliche Energie, Konzentration und Zeit. Dadurch können schulische Anforderungen, der familiäre Alltag sowie sportliche Aktivitäten beeinträchtigt werden.

Das ENWAKO®-Training setzt genau hier an und unterstützt das visuelle System durch gezielte Übungen, um Wahrnehmung und Bewegung besser aufeinander abzustimmen – für mehr Stabilität, Leichtigkeit und Sicherheit im Alltag. Um besser zu verstehen, wie Sehen funktioniert, lohnt sich ein Blick auf die einzelnen Sehfunktionen, die daran beteiligt sind.

Sehschärfe beschreibt, wie deutlich und klar wir Objekte in der Nähe und in der Ferne erkennen können. Sie wird in der Regel bei einer Untersuchung beim Augenarzt oder Optiker überprüft und bei Bedarf durch eine Brille oder Kontaktlinsen ausgeglichen.
Die Sehschärfe wird meist in Prozent oder als Zahlenwert angegeben. Ein guter Wert bedeutet, dass Details klar erkannt werden können – sagt jedoch allein noch nichts darüber aus, wie gut die Augen im Alltag zusammenarbeiten oder wie visuelle Informationen verarbeitet werden.

Fixieren bedeutet, dass ein Punkt mit einem oder beiden Augen gezielt betrachtet und der Blick über eine gewisse Zeit stabil gehalten werden kann. Ein Gegenstand sollte dabei ruhig, exakt und ausdauernd fokussiert werden können. Bei den sogenannten Fixationen werden visuelle Informationen bewusst wahrgenommen und im Gehirn verarbeitet. Diese Sehfunktion ist besonders wichtig für eine längere und konzentrierte Aufmerksamkeit, zum Beispiel beim genauen Lesen unbekannter Wörter oder Sachtexte, beim Arbeiten mit grafischen Darstellungen und Tabellen sowie beim Lernen am Tablet oder Laptop.

Kann die Fixierung nicht ausreichend gehalten werden, geht schnell der Überblick verloren. Die Folge sind ein erhöhtes Maß an Anstrengung, schnelleres Ermüden und eine steigende Fehleranfälligkeit.

Akkommodation beschreibt die Fähigkeit der Augen, sich auf unterschiedliche Entfernungen einzustellen. Je nachdem, ob wir etwas in der Nähe oder in der Ferne betrachten, passt sich die Augenlinse automatisch an. Beim Blick in die Ferne ist sie entspannt, beim Sehen in der Nähe wölbt sie sich, damit das Bild scharf wahrgenommen werden kann.

Mit zunehmendem Alter – meist ab etwa dem 40. Lebensjahr – lässt diese Anpassungsfähigkeit nach. Das Lesen in der Nähe wird anstrengender und viele Menschen benötigen eine Lesebrille.

Auch bei Kindern kann die Akkommodation eingeschränkt sein. In diesem Fall liegen jedoch andere Ursachen zugrunde.

Vergenzen beschreiben die gemeinsamen Ein- und Auswärtsbewegungen beider Augen. Beim Blick in die Ferne stehen die Augen nahezu parallel. Nähert sich der betrachtete Gegenstand, bewegen sich beide Augen gleichzeitig nach innen, in Richtung Nase, um weiterhin klar sehen zu können.

Damit das Sehen entspannt und stabil bleibt, sollten beide Augen diese Bewegungen gleichmäßig, mit der gleichen Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer ausführen. Besonders beim häufigen Wechsel zwischen Nähe und Ferne – etwa beim Lesen und anschließenden Blick zur Tafel oder in den Raum – ist ein gut abgestimmtes Zusammenspiel der Augen entscheidend.

Augenfolgebewegungen beschreiben die Fähigkeit, einem bewegten Objekt mit einem oder beiden Augen zu folgen, ohne es aus dem Blick zu verlieren. Bereits im Säuglingsalter beginnen Kinder, Bewegungen mit den Augen zu verfolgen. Mit zunehmender Entwicklung gelingt es ihnen, einem Objekt in alle Richtungen zu folgen, ohne dabei den Kopf mitzubewegen.

Man unterscheidet langsame und schnelle Augenfolgebewegungen. Die langsamen Bewegungen sind wichtig für Genauigkeit und Ausdauer, etwa beim Lesenlernen oder beim längeren Betrachten von Texten. Die schnellen Augenfolgebewegungen ermöglichen es, Objekte rasch zu erkennen und richtig einzuschätzen, zum Beispiel beim Autofahren, bei Ballspielen oder beim flüssigen Lesen.

Sakkaden, auch Augensprünge genannt, sind schnelle Blickbewegungen, die für ein flüssiges Lesen und Schreiben notwendig sind. Dabei springen die Augen von Buchstabe zu Buchstabe und von einem Wort zum nächsten, ohne dass uns diese Bewegungen bewusst auffallen.

Funktionieren diese Augensprünge nicht optimal, können sie beim Lesen zu kurz oder zu weit ausfallen. In der Folge werden Buchstaben, Wortteile oder ganze Wörter übersprungen. Das Lesen wird unsicher oder erratend, und der Inhalt des Textes lässt sich nur schwer erfassen. Häufig kommt es auch vor, dass beim Zeilenwechsel in einer falschen Zeile weitergelesen wird.

Ähnliche Schwierigkeiten zeigen sich beim Schreiben und Abschreiben. Wörter oder Buchstaben fehlen, teilweise sogar ganze Satzteile. Die Abstände zu den Rändern wirken ungleichmäßig und die Blattaufteilung entspricht nicht der Vorlage. Auch beim Abzeichnen von Formen oder Mustern, etwa im Geometrieunterricht, können Probleme auftreten, da Zusammenhänge und Reihenfolgen schwerer erkannt werden.